Von Orangenhaut, Selbstliebe und das Problem mit dem Vergleichen

Eigentlich bin ich soweit mit meinem Körper zufrieden. Eigentlich. Doch manchmal gibt es diese Tage, an denen ich mit nichts an mir zufrieden bin. Die Brüste zu klein, die Oberschenkel zu wuchtig. Die Dellen im Po zu tief. Die Wangenknochen nicht markant genug, die Finger komisch geformt – wenn ich mir viel Mühe gebe, kann ich dann beinahe alles an mir selbst schlecht reden.

Zum Glück kommen diese Tage mittlerweile nur noch selten vor. Denn im Laufe der Zeit hat sich meine Selbstwahrnehmung geändert. Mir zu Liebe habe ich Abstand von den nicht enden wollenden Vergleichen genommen. Peu à peu habe ich meinen Körper als den wahrgenommen, der er ist. Als mein eigener, besonderer, ständiger Belgeiter, dessen  Wert nicht durch optische Unzulänglichkeiten geschmälert werden kann.

Trotz dieser Erkenntnis hegten mich ein paar kleine Zweifel, als ich das obrige Bild vor ein paar Wochen auf Instagram postete. Zweifel und die Angst davor, ob die Betrachter des Bildes nur ein Auge für die Unperfektheit meines Körper haben würden. Daher kam auch folgende Bildunterschrift zustande.

„Vielleicht denkt die eine oder der andere: Mensch, die Beine hätte sie aber ein wenig retuschieren können oder sich wenigstens anders hinstellen können. Denn ja, die 🍊-Haut gibt auch einen kleinen Morgengruß von sich. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Ich sag „Guten Morgen!“ zurück. Und sage Ja zu Orangenhaut, Narben, Dehnungsstreifen und der kleinen Oberweite. Entspricht nicht dem medialen Schönheitsbild? Na und? Das ist mein Körper. Mit all seinen kleinen Unperfektheiten erzählt er meine Geschichte – ist mein ständiger Begleiter. Körper, ich mag dich! Gerade, weil du nicht so perfekt bist sondern Charakter zeigst. ☝🏼“

Die positive Resonanz und all der Zuspruch waren überwältigend. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Und all meine Euphorie konnte auch ein etwas kritischer Kommentar nicht schmälern. „Hä?! Du weißt ja wohl selbst, dass die Beine perfekt aussehen. Man sieht keine Narben und nischt. Wenn du versuchst, das hier als unperfekt und voll von Makeln zu präsentieren, ist das nicht gerade eine angenehme Message für Leute, die wirklich optisch nicht den Idealen entsprechen.“ Es mag seltsam klingen, doch ich hab mich beinahe ein wenig über dieses Kommentar gefreut. Denn es gab mir die Möglichkeit auf eine unschöne Eigenart unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen.

In der Handlung des Vergleichs sprechen wir dem anderen seine Wahrnehmung und seine Gefühle ab. „Stell dich nicht so an! Anderen geht es viel schlimmer!“ heißt es dann. Der Vergleich verleitet zu Wertungen, wo oftmals keine geltend gemacht werden sollten. Insbesondere, wenn Emotionen und Selbstwahrnehmung im Spiel sind. Sicherlich kann mir mein Gegenüber gerne sagen, dass meine Beine in seinen Augen perfekt sind, und es kann ihm darüber hinaus unverständlich vorkommen, dass ich dies etwas anders sehe. Doch meine Selbstwahrnehmung sollte mir mein Gegenüber dennoch nicht in Abrede stellen. Denn wo würde das denn hinführen? Würden wir den Einarmigen sagen: „Stellt euch nicht so an, es gibt Menschen, die haben keine Arme!“ Wir würden der Empathie den Rücken kehren. Im Vergleich nehmen wir nicht mehr den Menschen an sich wahr. Im Vergleich reduzieren wir ihn auf das, was wir wahrnehmen, selbst wenn wir ihn im Vergleich eigentlich aufwerten.

Dennoch tat es mir auch ein wenig Leid, dass dort jemand Anstoß an meinen Worten genommen hatte. Es war nicht meine Intention zu sagen, dass Dehnungsstreifen, die kleinen Dellen in meinen Oberschenkeln und Narben, ‚der Markel schlechthin‘ sind. Da wären wir nämlich auch wieder beim Vergleichen. Es geht mir im Kern viel mehr um Selbstwahrnehmung, -akzeptanz und -liebe. Ein Thema, dass, so glaube ich, alle Menschen betrifft. Denn egal, wie perfekt sie äußerlich für andere erscheinen mögen, bedeutet das nämlich nicht automatisch, dass sie dies selbst auch so empfinden. Das die Hürden für Selbstliebe für Menschen, die „wirklich optisch nicht den Idealen entsprechen“ höher sein mag, kann ich mir vorstellen. Doch letztlich widerspricht dieser Gedanke nicht meinen Worten. Im Kern, geht es darum, uns selbst zu akzeptieren und zu lieben. Ganz gleich, wie unsere physischen Attribute sind. Insbesondere, da Selbstliebe nicht nur durch Optik definiert ist sondern viel mehr eine praktische Handlungsweise gegenüber sich selbst ist.

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